Der künstliche Scheintodt.
Ein Herr Rotura in Australien hat es fertig gebracht, Menschen und Thiere
durch ein von ihm gefundenes Gift auf beliebige Zeit scheintodt zu machen,
kalt zu stellen und nach Wochen oder Monaten durch ein Gegengift zu neuem
Leben zu erwecken.
Herr Rotura ist bescheiden genug, von seiner Erfindung nur das Emporblühen
Australiens zu erhoffen, indem er vorläufig nur an die erleichterte
Verschiffung lebenden Viehes nach England denkt. Unserer Ansicht nach liegt
indeß der Schwerpunkt der künstlichen Scheintödtung ganz
anderswo; wir haben dabei selbstverständlich die Anwendung auf den
Menschen im Auge und denken in erster Linie an die nunmehr ermöglichte
Herstellung
Künstlicher Schlachtfelder. Wir verstehen hierunter ein internationales
Maneuverspiel, welches dazu dienen soll, der Kriegslust der Völker
ohne Menschenopfer Genüge zu thun; man hat hierzu nur nöthig,
eine beliebige Fläche mit uniformirten und roturirten Menschen zu
bedecken und das Uebrige der Phantasie der Kriegsreporter zu überlassen.
Da die auf dem Felde der Ehre Scheingemähten bei nächster Gelegenheit
wieder in Reih und Glied eingestellt werden können, so ergeben sich
sehr bedeutende Ersparnisse an Schießbedarf, Charpie, Verbandsmaterial
und Invalidenfonds. Zur Erhöhung der Illusion können Scheintodtenämter
abgehalten, Scheinverlustlisten ausgegeben werden etc.
Die Personenfracht auf Eisenbahnen und Dampfschiffen wäre ein weiteres
Ergebniß. Größere Reisen stellen sich erheblich billiger,
wenn man, statt ein Passagierbillet zu lösen, sich scheintödten,
verpacken und als Cello aufgeben läßt.
Der Bühnen-Scheintodt in Trauerspielen wird sich besonders für
die Meininger empfehlen. Nichts verkümmert den Genuß der tragischen
Dramen derart, wie der Anblick athmender, vielleicht sogar sich unwillkürlich
bewegender Theatertodten. Erst nach Einspritzung des Roturagiftes wird
eine wirklich stilgemäße Wiedergabe jener Stücke zu ermöglichen
sein. Es versteht sich, daß dem Publikum nach Schluß der Aufführung
gestattet sein muß, sich auf die Bühne zu begeben, um sich von
der völligen Leblosigkeit der betreffenden Helden und Heldinnen zu
überzeugen.
Der Nachruhm bei Lebzeiten dürfte wohl bald als die schönste
Frucht zu preisen sein. Bekanntlich spielen die meisten Dichter, Tonkünstler
etc. so lange sie noch leben eine höchst klägliche Rolle; nach
ihrem Tode pflegt man sie zu feiern, ihre Werke massenhaft zu kaufen, ihnen
Statuen zu setzen und was des Nachruhms mehr ist. Der Betreffende wird
sich nunmehr einfach scheintödten, begraben und, sobald der Nachruhm
angefangen hat, exhumiren lassen, um in aller Ruhe seine Unsterblichkeit
zu genießen und sich, wie der Reichskanzler, die Freiheit zu nehmen,
neben seinen Standbildern in Fleisch und Bein einherzuwandeln.
Diese Andeutungen mögen genügen, um die Vorzüge der Erfindung
zu beleuchten; dieselbe stellt sich dem Charakter nach zwar ähnlich
dar, wie die des Doctor Peschke, welcher die künstlichen Hühneraugen
erfand, während sie dieser, wie wir gezeigt haben, an Tragweite weitaus
überlegen sein wird.